Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Tagungsband 2003

Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung

Anforderungen der Wissensgesellschaft: Informationstechnologien und Neue Medien als Herausforderungen für die Wirtschaftsdidaktik

Hrsg. Hans Jürgen Schlösser

Mit Beiträgen von Andreas Liening, Claudia Knobel / Oliver Nüchter / Alfons Schmid, Renate Harter-Meyer, Reinhold Hedtke, Lothar Beinke, Wolfgang Geise / Sandra Speer / Ralf Bales

Bergisch Gladbach 2004

ISBN 3-924985-40-5 Verlag Thomas Hobein, Arnold-von-Lülsdorf-Str. 3, 51429 Bergisch Gladbach

Inhaltsverzeichnis

Andreas Liening Die Bedeutung der "Neuen Medien" in der Didaktik der Wirtschaftswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Darstellung "Neuer Technologien" 1
Claudia Knobel, Oliver Nüchter, Alfons Schmid IT-Kompetenzen in den hessischen Lehrplänen der Sekundarstufe I 63
Renate Harter-Meyer Jugendliche Verbraucher und Internet - Nutzung, Angebote und Perspektiven für die ökonomische Bildung 99
Reinhold Hedtke Wirtschaftsdidaktik in Wissensgesellschaften 131
Lothar Beinke Gruppen Gleichaltriger und ihre Mitwirkung im Prozess der Berufsfindung 165
Wolfgang Geise, Sandra Speer, Ralf Bales Zum Einsatz des Internet im Berufswahlunterricht 171

Editorial

Auf ihrer Jahrestagung 2003 hat sich die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung mit den Möglichkeiten und Grenzen neuer Medien in der Wirtschaftsdidaktik beschäftigt. Während es unbestritten ist, dass Neue Medien den Erwerb neuer kognitiver Fertigkeiten erleichtern können, wäre es gewiss fehlleitend, die Zukunft der ökonomischen Bildung allein durch die immer reichlicher und preisgünstiger zur Verfügung stehende Hardware und Software zu beschreiben. Die didaktische Fragestellung richtet sich stattdessen darauf, wie neue Medien im Lernkontext situiert werden, und nicht auf die Neuen Medien per se.

Cer Ping Lim zitiert in diesem Zusammenhang W. Craig: ,,Ehe Sie sich von tollen Gerätschaften hinreißen lassen und von Bildschirmausgaben, die einen in ihren Bann schlagen, möchte ich anmahnen, dass Information nicht Wissen ist, Wissen nicht Klugheit, und dass Klugheit noch nicht Weitsicht ist" (übers. v. Verf.). Es geht daher keineswegs allein darum, den Lernenden besseren Zugang zu immer mehr Informationen zu verschaffen, und dies möglichst immer schneller, immer bequemer und in immer vielfältigerer Weise. Von entscheidender Bedeutung aus fachdidaktischer Sicht ist die Abstimmung zwischen Informations- und Kommunikationstechniken und den nichttechnischen Komponenten der Lernkontexte.

Andreas Liening bietet in seinem Beitrag eine Definition Neuer Medien an, bei der Vernetzung und Medienverbund betont werden. In einem Vier-Phasenschema zeichnet er die Entwicklung Neuer Medien in der Bildung nach und kommt zu einer kritischen Beurteilung: Die Stärken des Computers werden nicht ausgenutzt, und die verwendeten didaktischen Konzepte sind veraltet. Liening stellt ausführlich neue Softwaresysteme dar, wobei er auf Objektorientierung fokussiert und die Bedeutung der Programmiersprache JAVA herausarbeitet. Schließlich wird ein Konzept für die Entwicklung von Lernprogrammen vorgelegt, welches auf ,,Blended Leaming" basiert, also auf der Ergänzung traditioneller Lehrmethoden durch Neue Medien.

Claudia Knobel, Oliver Nüchter und Alfons Schmid arbeiten die Bedeutung von IT-Kompetenzen in hessischen Lehrplänen heraus. Dabei unterscheiden sie zwischen Methodik, hier: Umgang mit der Technik, und fachlichen Inhalten, hier: fächerspezifische Nutzung Neuer Technologien. Nach einem Kriterienkatalog werden nun systematisch die Lehrpläne analysiert. Unter über 15 Methoden heben die Autoren besonders die Bedeutung der Internetrecherche hervor. Beim Sprachunterricht im Gymnasium - aber nicht allein dort - kritisieren Knobel, Nüchter und Schmid die Beliebigkeit der Methodenauswahl und die Unverbindlichkeit der Anwendungen. Diese Linie der Kritik trifft auf alle untersuchten Schulformen und die meisten Fächergruppen zu. Daher empfehlen die Autoren die Erstellung eines Referenzsystems und unterbreiten Vorschläge sowohl für ein solches System als auch für die flankierende Lehrerweiterbildung. Dabei können sie auf die Ergebnisse eines Workshops zurückgreifen und die Einführung eines ,,Computerführerscheins" für Schüler konzipieren.

Renate Harter-Meyer stellt empirische Untersuchungen zur Internetnutzung durch Jugendliche vor und verdeutlicht, dass es nicht allein Niveaueffekte - die Nutzung ist sprunghaft angestiegen - gibt, sondern einen Strukturwandel der Internetnutzung durch Jugendliche. Harter-Meyer wendet sich speziell möglichen Nutzungsarten des Internets mit Blick auf den Bereich des Konsumverhaltens und der Verbraucherpolitik zu. Es werden vielfältige Anwendungen vorgestellt und Kriterien für die Nutzung des Internet im Unterricht erarbeitet, wobei der Rolle der Lehrkräfte besondere Aufmerksamkeit gilt. Harter-Meyer erörtert den Bildungswert des Internet unter besonderer Berücksichtigung des Konsumbereichs und leitet daraus Aufgaben ökonomischer Bildung ab.

Reinhold Hedtke untersucht die wissensgesellschaftlichen Herausforderungen als Chancen für die Weiterentwicklung der Wirtschaftsdidaktik. Zunächst skizziert Hedtke die Kerncharakteristika von Wissensgesellschaften, insbesondere von wissensbasierten Volkswirtschaften. Er systematisiert dabei die Funktionen von Wirtschaftsdidaktik und unterbreitet programmatische Vorschläge zu Weiterentwicklung des Fachs mit einer Vision für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre. Hedtke sieht eine Kernkompetenz von Fachdidaktik in der Bearbeitung wissenschaftlichen Wissens; damit sind Fachdidaktikerinnen Expertinnen für die Pragmatisierung wissenschaftlichen Wissens in Bildungskontexten. Wirtschaftsdidaktik als Wissenschaft vom ökonomischen Wissen und Bewusstsein sowie als Ort der Selbstreflexion von Fachwissenschaft - dies ist die Zukunftsperspektive die Hedtke vorstellt.

Lothar Beinke befasst sich mit Informationsflüssen, allerdings nicht mit dem Schwerpunkt von Informationsflüssen auf der Basis von Neuen Technologien. Beinke untersucht, welchen Einfluss Peer-Groups im Prozess der Berufsorientierung Jugendlicher haben. Auf der Basis von Befragungen in fünf Bundesländern kann Beinke zeigen, dass dieser Einfluss ansteigt. Er ist inzwischen genauso groß wie der der Eltern und stärker als in früheren Befragungen. Beinke berichtet, dass Berufsinhalte häufig implizit Gegenstand der Gespräche unter Jugendlichen sind. Jugendliche nehmen ergänzend und ersetzend zu Elternhaus und Berufsberatung untereinander Informationsaustausche zur Stabilisierung der individuellen Informationssicherheit vor. Dies impliziert für Beinke eine Kritik an traditionellen Berufsinformanten. Den Jugendlichen geht es um eine "Vereinfachung der Wirklichkeit", sie entwickeln in Peer-Groups ein Problemlösungsverhalten, das nach Beinke durchaus über das Sammeln von Informationen hinausgeht. Wenngleich Beinke nicht explizit auf Neue Medien eingeht, liefert er mit seinem Beitrag zum Informationsverhalten Jugendlicher im Hinblick auf Peer-Groups wichtige Anhaltspunkte für den Einsatz Neuer Medien in der Berufswahlvorbereitung.

Wolfgang Geise, Sandra Speer und Ralf Bales befassen sich in ihrem Beitrag ebenfalls mit Berufswahlvorbereitung. Als ein Ziel der Berufswahlvorbereitung sehen sie die Fähigkeit an, Informationen zur Berufswahl gezielt nachzufragen und zu verwerten. Die Autoren suchen Möglichkeiten, das Internet als Informations- und Kommunikationsmedium didaktisch gelenkt in den Berufswahlunterricht einzubeziehen, insbesondere durch die Online-Beschaffung von Informationen. Nach Geise, Speer und Bales zeigen Jugendliche bei der Internetnutzung hohes Interesse am Thema "Ausbildung/Beruf". Das Ziel der Autoren ist, beispielhaft aufzuzeigen, welche berufswahlvorbereitenden bzw. berufsorientierenden Informationen aus dem Internet in einen Berufswahlunterricht der Sekundarstufe I einfließen können. Der Beitrag gibt einen strukturierenden Überblick über die unterschiedlichen Informationsquellen, und ausgewählte Internetangebote werden in ein idealtypisches Entscheidungsablaufschema eingeordnet.

Hans Jürgen Schlösser


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Letzte Änderung am 18.01.2011


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