Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Tagungsband 2011

Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung

Entrepreneurship-Education und Arbeitnehmerorientierung in der ökonomischen Bildung

Hrsg. Thomas Retzmann

Schwalbach / Ts. 2012

320 Seiten, 34,80 Euro

ISBN 978-3-89974734-8

In diesem imposanten Tagungsband der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung bearbeiten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sowie Wirtschaftsdidaktiker grundlegende und unterrichtspraktische Fragen der Entrepreneurship-Education einerseits und der Arbeitnehmer- und Berufsorientierung andererseits.

Die Beiträge verdeutlichen nachdrücklich, welch‘ unverzichtbaren Beitrag ökonomische Bildung in allgemein bildenden Schulen zur Orientierung in der modernen Berufs- und Arbeitswelt leistet.

 

Beiträge


Thomas Retzmann: Einführung in die Thematik: Entrepreneurship-Education und Arbeitnehmerorientierung in der ökonomischen Bildung
Eberhard Jung Entrepreneurship-Education und Arbeitnehmerorientierung als didaktische Herausforderungen
Ewald Mittelstädt, Andreas Liening, Guido Strunk Ist unternehmerische Kompetenz messbar? Komplexitätswissenschaftliche Ansätze zur Kompetenzmessung in Unternehmensplanspielen
Thomas Retzmann, Viona Hausmann Wie lässt sich „unternehmerisches Denken“ messen? Überlegungen zur Konstruktion eines standardisierten Test
Mark Euler Born or made – Kann Entrepreneurship gelehrt werden?
Teita Bijedic Entwicklung unternehmerischer Persönlichkeitspotenziale – eine empirische Analyse in der Sekundarstufe II
Dirk Loerwald, Arne Stemmann Unternehmerische Verantwortung und Entrepreneurship-Education
Holger Arndt Das Projekt ‚Manager machen Schule‘ – Ein Beitrag zur Entrepreneurship-Education?
Susanne Berger, Matthias Pilz Vorberufliche Bildung in Curricula und Unterrichtsalltag. Befunde aus einem EU-Projekt
Michael Klebl, Bernd Remmele Der Einfluss von Entrepreneurship bei Lehrkräften auf deren Lehrstil
Michael-Burkhard Piorkowsky Haushalts-Unternehmens-Komplexe – ein interessantes Konstrukt für die ökonomische Bildung?
Astrid Ohl-Loff Web-basierte Geschäftskonzeptionen: Brücken in die Zukunft der Entrepreneurship-Education
Thomas Retzmann, Karsten Schröder Der Beitrag von Schülerunternehmen zur Entrepreneurship-Education – Eine fachdidaktische Analyse der Möglichkeiten und Grenzen
Josef Aff, Richard Fortmüller, Franz-Josef Kaiser, Anna Kurmeleva Entwicklung und Implementierung nachhaltig wirksamer Strukturen zu Entrepreneurship Erziehung in der Russischen Föderation und Tadschikistan – EINSEE
Reinhard Schulte Entrepreneurship-Education: Grundsätzliche Überlegungen aus fachwissenschaftlicher Sicht
Ilona Ebbers, Johanna von Luckwald Entrepreneurship-Education unter Gender Aspekten anhand eines Qualifizierungsmodells für Akademikerinnen
Franziska Birke, Günter Seeber  Lohnunterschiede im Schülerverständnis: eine phänomenographische Untersuchung 
Carolin Kölzer Arbeit und Arbeitslosigkeit aus der Perspektive von Hauptschülerinnen und -schülern
Kristina Schmidt-Köhnlein Wettbewerbsstrukturen auf dem Ausbildungsmarkt – Ansätze für die Berufsorientierung Jugendlicher 
Lothar Beinke  Berufswahl und Ausbildungsabbruch 
Tim Engartner  Ökonomische Grundbildung: Identifikation, Analyse und Bewertung von Anforderungsbereichen für Geringqualifizierte 
Thorsten Hippe  Entrepreneurship-Education und Arbeitnehmerorientierung ohne Interdisziplinarität? 
Norbert Wichmann  Position der Gewerkschaften zur ökonomischen Bildung und die Erwartungen an die ökonomische Bildung in der Schule 

Vorwort

 

Einführung in die Thematik:


Entrepreneurship-Education und Arbeitnehmerorientierung in der ökonomischen Bildung
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind ebenso wie Unternehmerinnen und Unternehmer maßgebliche Akteure in der Sozialen Marktwirtschaft. Es stellt sich daher die Frage, welcher Stellenwert der Auseinandersetzung mit der Arbeitnehmer- und Unternehmerrolle innerhalb der ökonomischen Bildung zukommen und wie genau diese ökonomisch geprägten Lebenssituationen in Bildungsprozessen repräsentiert und reflektiert werden sollen. In der deutschen Wirtschaftsdidaktik herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, dass die ökonomische Bildung auch einen wesentlichen Beitrag zur Orientierung in der Berufs- und Arbeitswelt leisten kann. Die ökonomische Allgemeinbildung soll dabei die Leitidee des mündigen Erwerbstätigen und des mündigen Wirtschaftsbürgers verfolgen, um Schülerinnen und Schüler zu einer reflektierten, selbstbestimmten, sachkompetenten, verantwortlichen und mitgestaltenden Teilnahme am Arbeits- und Wirtschaftsleben zu befähigen. Die Rolle des Erwerbstätigen umfasst dabei gleichermaßen die Rollen des Berufswählers, des Auszubildenden und des Arbeitnehmers wie die Rollen des Selbstständigen bzw. des Unternehmers. Im Ökonomieunterricht haben deshalb Themen wie Ausbildungsberufe und Ausbildungsmarkt, Ausbildungs- und Arbeitsverträge, Erwerbsarbeit und Arbeitslosigkeit, Sozialpartnerschaft und Tarifverträge, Arbeitnehmerrechte und -pflichten, Qualifikationen und berufliche Anforderungen, Arbeitskraftunternehmer und Pionierunternehmer, Gründermentalität und Unternehmerpersönlichkeiten, Unternehmensgründung und -führung, Unternehmenserfolg und -verantwortung ihren angestammten Platz. Bereits im Jahre 2000 widmete die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung ihre traditionelle Jahrestagung ganz dem Themengebiet „Berufsorientierung und Arbeitsmarkt“ (siehe www.degoeb.de). Die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit wurde auch im gleichnamigen Tagungsband geführt und konzentrierte sich auf die schulische Berufsorientierung, den sich im Ungleichgewicht befindenden Ausbildungsmarkt und Entwicklungen in der modernen Erwerbsarbeit.

Die wissenschaftliche Jahrestagung 2011 fokussierte erneut die ökonomische Bildung mündiger Erwerbstätiger als Kernbereich ihrer Domäne. Dies erfolgte diesmal gezielt in dualer Struktur: Es sollte sowohl die Rolle des Unternehmers als auch die Rolle des Arbeitnehmers zum Gegenstand fachdidaktischer Analysen werden, wobei diese nicht als zwangsläufig gegensätzliche Perspektiven verstanden werden sollten, sondern auch und vielleicht vor allem als komplementäre Situationsfelder innerhalb der ökonomischen Bildung. Denn es gibt keine bildungstheoretische Rechtfertigung dafür, die ökonomische Bildung ganz auf die typischen Lebenssituationen der abhängig Beschäftigten auszurichten und berufliche Selbstständigkeit als individuelle Option unter den Tisch fallen zu lassen. Nicht nur die ökonomische Bildung muss auch in dieser Hinsicht versuchen, zur freien Entfaltung der individuellen Persönlichkeit beizutragen. Ebenso wenig darf die ökonomische Bildung für die bloß wirtschaftlich motivierte Förderung des Entrepreneurships in der Gesellschaft instrumentalisiert werden. Bei allen berechtigten, einzel- und gesamtwirtschaftlichen Erwägungen zur Förderung des Unternehmertums in Deutschland dürfen die Schülerinnen und Schüler als der eigentliche Zweck der Bildung ganz im Sinne des Kant’schen kategorischen Imperatives niemals nur als Mittel behandelt werden. Unter dem Rahmenthema „Entrepreneurship-Education und Arbeitnehmerorientierung in der ökonomischen Bildung“ setzten sich Fachwissenschaftler und Fachdidaktiker aus ganz Deutschland mit der Entrepreneurship-Education, der Gründungspädagogik und -didaktik einerseits und der Arbeitnehmerund Berufsorientierung andererseits wissenschaftlich auseinander. Der einleitende Beitrag von Eberhard Jung ordnet beide Aufgaben ökonomischer Bildung wirtschaftsdidaktisch ein und zeigt die Herausforderungen auf. Die zahlreichen, in diesem Tagungsband versammelten Beiträge zeigen auf, dass beide Situationsfelder ökonomischer Bildung in der Bildungspraxis in mancherlei Hinsicht noch defizitär repräsentiert sind; positiv gewendet: dass noch nicht realisierte Potenziale bestehen. Die Beiträge verdeutlichen in Summe aber auch nachdrücklich, welch’ unverzichtbaren Beitrag ökonomische Bildung in allgemein bildenden Schulen zur Orientierung in der modernen Berufs- und Arbeitswelt leistet, sei es im Hinblick auf die abhängige Beschäftigung oder im Hinblick auf die berufliche Selbstständigkeit. Die inhaltliche Bandbreite der Beiträge ist weit gespannt und umfasst sowohl grundlegende als auch unterrichtspraktische Fragen der Entrepreneurship-Education einerseits und der Arbeitnehmer- und Berufsorientierung andererseits.

Auch wenn die Zuordnung der nachfolgenden Beiträge nicht in jedem Fall eindeutig war, so erschien es doch sinnvoll, dem Band eine klare inhaltliche Struktur zu geben. Er wurde daher in zwei nachfolgende Abschnitte unterteilt: auf den Abschnitt „Entrepreneurship-Education – Eine Aufgabe der Ökonomischen Bildung“ folgt der Abschnitt „Arbeitnehmerorientierung – Ein Leitbild für die Ökonomische Bildung“. Neben sehr interessanten konzeptionellen Beiträgen, die curriculare Innovationen für die Bildungspraxis bereithalten, finden sich mehr als je zuvor empirische Beiträge zur Wirtschaftsdidaktik. Erfreulich ist auch die große Beteiligung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Sowohl mit der bestens besuchten wissenschaftlichen Tagung 2011 als auch mit diesem beeindruckenden Tagungsband unterstreicht die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung einmal mehr, dass sie die erste Adresse der wissenschaftlichen Wirtschaftsdidaktik in Deutschland ist. Die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung ist als wissenschaftliche Vereinigung von Wirtschaftsdidaktikerinnen und Wirtschaftsdidaktikern in Deutschland den weithin anerkannten ethischen Standards guter Wissenschaft verpflichtet. Sie verfolgt gemäß Satzung ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke, ist parteipolitisch neutral, selbstverständlich nicht ideologisch und unterstützt deshalb auch keine einseitige Interessenpolitik betreffend die ökonomische Allgemeinbildung.

Gleichwohl ist das Feld, das ihre Mitglieder wissenschaftlich erforschen und in Modellversuchen und Projekten curricular mitgestalten, wie jedes andere Bildungsgebiet Gegenstand bildungspolitischer Gestaltung und damit auch parteipolitischer Willensbildung. Mehr noch: Es ist Gegenstand darauf gerichteter Interessen von gesellschaftlich bedeutsamen und bisweilen einflussreichen Gruppen. Arbeitgeberverbände ebenso wie Gewerkschaften, Verbraucherverbände ebenso wie Lehrerverbände interessieren sich für die ökonomische Allgemeinbildung, unterstützen ihre Weiterentwicklung oder beziehen kritisch Position zu tatsächlichen oder vermeintlichen Fehlentwicklungen. Nicht zuletzt deshalb sucht und unterhält die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung traditionell Kontakte zu diesen großen gesellschaftlichen Interessengruppen wie auch zur Bildungspolitik und sucht den Gedankenaustausch. Um wissenschaftliche Kontroversen über die ökonomische Allgemeinbildung zu fördern, lädt sie immer wieder auch deren Repräsentanten als Impulsgeber oder „Critical Friends“ zu ihren wissenschaftlichen Tagungen ein. Wir beabsichtigen, ggf. auch zukünftig solche bildungs- und interessenpolitischen Standpunkte einzuholen; dies wie schon in Vergangenheit unabhängig davon, ob sie mit den Positionen und Zielen der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung übereinstimmen. Beim vorliegenden Tagungsthema lag es nahe, die Erwartungen der Gewerkschaften an die ökonomische Bildung im Allgemeinen und an die Arbeitnehmerorientierung im Besonderen zu hören und zu diskutieren. Dankenswerterweise hat der Deutsche Gewerkschaftsbund die Einladung angenommen und die Tagung mit einer Positionsbestimmung eröffnet, die kontrovers diskutiert und kritisch kommentiert wurde. Erstmals enthält ein Tagungsband der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung auch einen Beitrag, in dem ein Vertreter einer Interessengruppe einen dezidiert politischen Standpunkt vertritt. Um den Unterschied zwischen politischer und wissenschaftlicher Kontroverse zu markieren, werden solche Beiträge jedoch ausdrücklich als Standpunkte gekennzeichnet und als solche zur Diskussion gestellt. Mögen auch sie dazu beitragen, dass den Heranwachsenden die bestmögliche ökonomische Bildung zu Teil wird.

Mein Dank gilt Frau Sigrid Janetzki, Frau Karin Krzatala und Frau Iris Bölke, die die eingereichten Manuskripte bis zur Druckreife weiterverarbeitet haben.

 

Essen, im Juli 2011

Thomas Retzmann
Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung


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Letzte Änderung am 20.08.2012


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