Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Tagungsband 2006

Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung

Die Zukunft der sozialen Sicherung - Herausforderungen für die ökonomische Bildung

Hrsg. Günther Seeber

Mit Beiträgen von Dirk Sauerland, Thorsten Hippe / Reinhold Hedtke, Hans Jürgen Schlösser / Michael Schuhen, Ralf Ptak, Holger Arndt, Matthias Pilz, Andrea Haus / Michael-Burkhard Piorkowsky, Claudia Wiepcke / Ewald Mittelstädt, Lothar Beinke, Georg Groth / Friedrich Tiemann

Bergisch Gladbach 2006

ISBN 3-924985-43-1 Verlag Thomas Hobein, Arnold-von-Lülsdorf-Str. 3, 51429 Bergisch Gladbach

Inhaltsverzeichnis

Günther Seeber Vorwort 1
Dirk Sauerland Zwischen kollektiver und individueller Vorsorge. Die Zukunft der sozialen Sicherung in Deutschland 7
Thorsten Hippe
Reinhold Hedtke
Kapitalgedeckte Rentensysteme. Wissenschaftsorientierung, Pluralismus und Kontroversität 31
Hans Jürgen Schlösser
Michael Schuhen
Finanzielle Vorsorge, ökonomisches Prinzip und irrationales Verhalten 55
Ralf Ptak Ökonomische Bildung im Rahmen politischer Ökonomie. Der Sozialstaat als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Lehrerbildung 87
Holger Arndt Qualitative und quantitative Modellbildung zur Entwicklung von Urteils- und Handlungskompetenz in komplexen Systemen am Beispiel der sozialen Sicherungssysteme im politisch-ökonomischen Unterricht 109
Matthias Pilz Soziale Sicherung und ihre normativen Grundlagen: Adäquater Unterrichtsstoff in der Sekundarstufe I (?) 127
Andrea Haus
Michael-Burkhard Piorkowsky
Stärkung der Eigeninitiative im Rahmen der sozialen Sicherung - Erfahrungen aus dem Armutspräventionsprogramm der Bundesregierung als Impuls für die Konzipierung einer sozioökonomischen Grundbildung 151
Claudia Wiepcke
Ewald Mittelstädt
Employability als Zukunftsstrategie der sozialen Sicherung 173
Lothar Beinke Bildungsbarrieren im Schulsystem 191
Georg Groth
Friedrich Tiemann
Vorsorge als Beitrag zur Stabilisierung des Gesundheitswesen 213
Autorenverzeichnis

Günther Seeber

Vorwort

"Gesundheitsreform" war bereits 1988 das "Wort des Jahres". Zur Zeit der Abfassung dieses Vorworts wurde erneut eine Gesundheitsreform vom Bundestag verabschiedet, die eine weitere Erhöhung der Krankenversicherungsbeiträge ab 2007 mit sich bringen wird. Dies ist eine der Konsequenzen, welche die beständige Steigerung der Gesundheitskosten mit sich bringt: 1970 bis 2005 stiegen diese Kosten inflationsbereinigt von 35,4 Mrd. Euro auf 134,8 Mrd. Euro (DIE ZEIT, 6. Juli 2006: 3). Neben der Beitragserhöhung haben mehrere Gesetzesänderungen permanent die Zuzahlungsleistungen der Patienten ausgeweitet.

In der Rentenversicherung ist die Entwicklung ähnlich prekär. Trotz dauernder Beitragssatzsteigerungen ist absehbar, dass das generationenübergreifende Umlageverfahren insofern zum Scheitern verurteilt sein wird, als eine Lebensstandardsicherung nicht mehr zu gewährleisten ist. Altersvorsorge und Gesundheitsvorsorge werden deshalb mehr und mehr zu einer Aufgabe des Einzelnen. Eine Verschiebung von der Kollektiv- zur Individualabsicherung hat bereits begonnen.

Damit verbinden sich für die Betroffenen Entscheidungen (unter Unsicherheit), die gekoppelt sind mit einer ökonomischen Urteilskompetenz. Das nahm die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung zum Anlass, in März 2006 eine Tagung zum Thema dieses Sammelbandes zu veranstalten. Die Tagungsbeiträge liegen hier in schriftlicher Form vor und wurden um einige fachdidaktisch relevante Aufsätze erweitert.

Die Einführung von Dirk Sauerland thematisiert das Spannungsfeld von kollektiver und individueller Absicherung. Er zeigt weshalb eine kollektive Absicherung unabdingbar ist Er sieht allerdings die Gefahr einer Überstrapazierung des solidarischen Systems und plädiert deshalb am Ende seines Beitrags für eine Neujustierung: die beitragsfinanzierte kollektive Sicherung solle sich auf ein Basispaket beschränken und durch steuerfinanzierte Transferleistungen für "schlechte Risiken" sowie freiwillige Zusatzversicherungen ergänzt werden. Der Autor wählt als Beispiel die Gesundheitsvorsorge.

Thorsten Hippe und Reinhold Hedtke konstatieren eine häufig mit "Sendungsbewusstsein" vorgetragene Eindimensionalität der Lösung sozialer Sicherungsprobleme mit einem Trend zur Propagierung der Eigenvorsorge. Die Autoren wollen zeigen, dass es aber unterschiedliche sozialpolitische Paradigmen mit unterschiedlichen Gerechtigkeitskonzeptionen und unterschiedlichen Akteursmodellen gibt. Ein Pluralismus der Auffassungen in der Sozialwissenschaft sei also gegeben. Als Ziel gilt es den Autoren aufzuzeigen, dass eine Wissenschaftsorientierung der Fachdidaktik diese dann bereichert, wenn sie alle Facetten der wissenschaftlichen Diskussion berücksichtigt. Als Beispiel wählen sie die kapitalgedeckten Rentensysteme. Für die Unterrichtspraxis, so ihre Schlussfolgerung, seien kontroverse Diskussionen der Paradigmen notwendig, so dass die Schüler lernen mit Pluralismus umzugehen.

Hans Jürgen Schlösser und Michael Schuhen greifen ebenfalls das Thema Zukunftsvorsorge auf und erörtern das neoklassische Modell intertemporaler Entscheidungen. Dieses Modell liefert nämlich eine Vorstellung davon, wie das Individuum sein Lebenseinkommen gemäß seinen Präferenzen optimal im Zeitablauf aufteilt. Dem ermittelten Ergebnis liegt das neoklassische Akteursmodell des Homo oeconomicus zugrunde. Wie schon Hippe und Hedtke weisen Schlösser und Schuhen darauf hin, dass dieses Akteursmodell zu kurz greifen könnte und thematisieren dies mithilfe einer psychologischen Kritik. In der Realität weichen Menschen vom Rationalverhalten ab.

Im Mittelpunkt des Beitrags von Ralf Ptak steht der Sozialstaat, der nach Auffassung des Autors "in einem langen historischen Prozess als institutioneller Kompromiss entstanden" ist und "der den Kapitalismus bändigen soll". So seien seine Wirkungsweise und die daraus folgenden gesellschaftlichen Konsequenzen nur über ein interdisziplinäres Herangehen verständlich. Dieses Herangehen solle historische und soziologische Aspekte beinhalten. Deshalb entwickelt Ptak die Grundlinien der historischen Genese des Sozialstaats bis zum heutigen Zeitpunkt. Er charakterisiert ihn als in Rückbau befindlich, da - so seine Auffassung - ein ökonomischer Fundamentalismus um sich greife.

Holger Arndt hat im Blick, dass es ein Ziel ökonomischen Unterrichts sein sollte, die Urteilsfähigkeit der Schüler zu fördern. Dies stelle die Didaktik gerade dann vor Herausforderungen, wenn komplexe Sachverhalte beurteilt werden sollen. Das Prinzip der Komplexitätsreduktion sei da nicht immer hilfreich. Statt dessen sollte gelernt werden, mit Komplexität umzugehen. Zwei mögliche Modellierungsinstrumente, auch für die Hand des Schülers, in einem aktivierenden Unterricht stellen für den Autor Wirkungsdiagramme und quantitative System-Dynamics-Modelle dar. Beides führte er am Beispiel des sozialen Sicherungssystems ein und gibt Umsetzungshinweise.

Matthias Pilz stellt eine 10-stündige Unterrichtssequenz für die 9. Klasse vor, in der die Prinzipien der Sozialversicherung erarbeitet werden sollen. Wie bereits Arndt, weist er auf die Problematik der verkürzenden Reduktion komplexer Probleme hin. Bei der Sozialversicherung ist dies aus seiner Sicht häufig der Fall, weil idealtypische Modellierungen zu kurz greifen und weil neben einem sachgerechten Urteil im Beispielfall eine Diskussion der normativen Fundamente der Sozialversicherung im Unterricht greifen sollte. Für die erste Unterrichtsstunde seiner Sequenz stellt der Autor die Planung und Ergebnisse einer Umsetzung in der Schule vor.

Andrea Haus und Michael-Burkhard Piorkowsky stellen einen fachdidaktischen Ansatz vor, der auf dem Konzept der "Neuen Hauswirtschaft" beruht und der den privaten Haushalt in den Mittelpunkt ökonomischer Betrachtungen stellt. Im Rahmen der Armutsprävention entstand die Idee, die sozioökonomische Grundbildung als eine Präventivmaßnahme zu verbessern. Die Autoren beschreiben das hierzu entwickelte Konzept "Ich bin meine Zukunft - die Gestaltung der Lebenslage" und die laufenden Projektarbeiten.

Im Zuge der von Claudia Wiepcke und Ewald Mittelstädt in Anlehnung an den historischen Begriff identifizierten "Neuen Sozialen Frage" erscheint ihnen die Herstellung und der Erhalt von Beschäftigungsfähigkeit eine zentrale Aufgabe. Sie ist der Kern einer Strategie zur sozialen Sicherung, an der nicht nur die Individuen selbst, sondern ebenso Unternehmer und der Staat mitwirken sollten. Die ökonomische Bildung liegt für die Autoren quer zu den für eine Employability notwendigen Schlüsselqualifikationen.

Im Rahmen der Beschäftigungsfähigkeit spielen auch Fachkenntnisse eine Rolle, die gerade in der Berufsausbildung vermittelt werden. Der Berufswahlunterricht, den Lothar Beinke untersucht, ist insofern von wesentlicher Bedeutung für die soziale Sicherung. Der Autor stellt Daten einer Vielzahl eigener und fremder empirischer Erhebungen vor, die beleuchten, an welchen Stellen in erster Linie Probleme auftauchen und wo eine Verbesserung des Unterrichts ansetzen sollte.

Georg Groth und Friedrich Tiemann beschließen den Band mit einer Betrachtung des Gesundheitswesens. Sie plädieren für einen erweiterten Vorsorgeansatz. Hier ist in erster Linie der Einzelne gefordert, der jedoch über entsprechende Kompetenzen verfügen muss. Die Analyse, weshalb auch mit entsprechenden Fähigkeiten unser Gesundheitssystem dem vorsorgenden Patienten nicht hilfreich sei, unterlegen die Autoren mit teilweise provozierenden Thesen. Abschließend zeigen sie Strategien für eine effektive Vorsorge auf.

Bedanken möchte ich mich bei den Autoren für die pünktliche Lieferung der Manuskripte und bei Helmut Keller für die redaktionelle Betreuung des Bandes.

Lahr, im Juli 2006

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Letzte Änderung am 18.01.2011


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