Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Tagungsband 2001

Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung

Stand und Entwicklung der ökonomischen Bildung

hrsg. von Hans Jürgen Schlösser

Mit Beiträgen von Peter Davies, Michaele Gartz/Marion Hüchtermann/Korina Schulz, Wolfgang Geise, Jan Karpe, Gerhard Kolb, Klaus Peter Kruber, Andreas Liening, Thorsten Wilhelm Menning, Markus Osburg, Thomas Retzmann, Alfons Schmidt, Günther Seeber, Birgit Weber, Peter Weinbrenner, Gerrit Witschaß / Ulrich Wiethaup

Bergisch Gladbach 2001

Inhaltsverzeichnis

Peter Davies Economic Understanding and Citizenship in England 1
Michaele Gartz, Marion Hüchtermann, Korina Schulz Ökonomische Bildung praxisorientiert - Die Förderung wirtschaftlichen Verständnisses und unternehmerischen Denkens und Handelns am Beispiel von SCHULE WIRTSCHAFT, JUNIOR und "GO to school!" 21
Wolfgang Geise Alltagstheorien von Verbrauchern - Zur Rekonstruktion der Innensicht konsumtiven Handelns 45
Jan Karpe Wirtschaftspolitische Bildung als Teil einer modernen ökonomischen Bildung 63
Gerhard Kolb Zur Relevanz der volkswirtschaftlichen Ideengeschichte für die ökonomische Bildung 77
Klaus Peter Kruber Wirtschaftspolitische Bildung als spezifische Art des "Zugriffs" auf wirtschaftliche Realität. 87
Andreas Liening Arbeit und Beruf. Eine problemorientierte Einführung.. 101
Thorsten Wilhelm Menning Auswirkungen des rasanten technologisch-wirtschaftlichen Wandels auf die Ausbildungsberufe des dualen Systems 117
Markus Osburg Schülerfirmen als Methode zur Vermittlung ökonomischer wie allgemeinbildungs-relevanter Inhalte - Ansätze für eine Integration in die Lehrerausbildung. 141
Thomas Retzmann Empirische Lehr-/Lern-Forschung als Beitrag der Fachdidaktik zur Rationalisierung der Debatte um die ökonomische Bildung. 167
Alfons Schmid Telelearning in der Aus- und Weiterbildung von Lehrern und Lehrerinnen im Fach Arbeitslehre am Beispiel des Themas "Regionale Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung" 189
Günther Seeber Umweltbildung und ökonomische Bildung - eine Einführung. 239
Birgit Weber Die Bedeutung der Ökonomie in der Lehrerausbildung: Ergebnisse einer Analyse der ökonomisch relevanten Studienfächer für Lehrämter des allgemeinen Schulwesens. 251
Peter Weinbrenner Welchen Beitrag kann die Wirtschaftsdidaktik zur Umweltbildung leisten? 267
Gerrit Witschaß, Ulrich Wiethaup Mit ökonomischer Bildung zum Beruf. Das Projekt TRANS - JOB als ein Beispiel bundesweiter SCHULE WIRTSCHAFT-Arbeit 289

Editorial

Das Thema der Jahrestagung 2001 der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung - "Stand und Entwicklung der ökonomischen Bildung" - hat die mit Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsdidaktik befassten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu einer breiten Palette von Beiträgen angeregt. Eine Gruppe von Autoren sieht in Schülerfirmen und Kooperationen von Schulen mit Unternehmen ein besonders großes Potenzial für Gegenwart und Zukunft der ökonomischen Bildung (Gartz/Hüchtermann/Schulz, Osburg, Witschaß/Wiethaup). Die Bedeutung des Berufs und damit verbundene Krisenerscheinungen stellen offenbar eine dauernde Herausforderung dar (Liening, Menning). Die Wirtschaftspolitik und die wirtschaftspolitische Bildung werfen spezifische Fragen auf, zu denen auch Aspekte der Ideengeschichte Beiträge leisten können (Karpe, Kolb, Kruber).

Die Umweltbildung und die mit ihr verbundenen Kontroversen werden wohl die zukünftige Diskussion genauso prägen, wie dies schon in der Vergangenheit geschehen ist (Seeber, Weinbrenner). Von zunehmender Bedeutung, so zeichnet sich ab, werden Fragen der empirischen Forschung sein (Geise, Retzmann). Die Lehrerausbildung für das allgemein bildende Schulwesen greift neue Medien auf und sucht neue Wege, hat aber in den Studien- und Prüfungsordnungen oft nur eine marginale Position (Schmid, Weber).

Von übergreifender Bedeutung ist der Beitrag von Peter Davis, der den Eröffnungsvortrag der Tagung gehalten hat. Er untersucht die Bedeutung ökonomischer Bildung für die staatsbürgerliche Bildung: "Education for Citizenship" wird ab dem Jahr 2002 ein verbindlicher Unterrichtsbestandteil aller englischen weiterführenden Schulen sein, und die damit zusammenhängenden Diskurse, insbesondere über die Realisierung ökonomischer Bildung, sind von so grundsätzlicher Natur, dass sie weit über England hinaus die wissenschaftliche Gemeinde interessieren. Davies befragt unterschiedliche Rahmenkonzeptionen staatsbürgerlicher Bildung danach, wie sie sich zur ökonomischen Bildung verhalten. Er arbeitet dabei die Bedeutung ökonomischer Bildung heraus und entwickelt fünf zentrale Bereiche für "programs of economic education".

Michaele Gartz, Marion Hüchtermann und Korina Schulz stellen teils bewährte, teils neue Konzepte und Projekte zur ökonomischen Bildung vor: Das "Netzwerk Schule Wirtschaft", "Junior" - Schüler gründen ein Miniunternehmen in der Schule - und "Go to School", ein breit gefächertes Programm, sich in unternehmerischem Denken und Handeln zu üben. Die Autorinnen betonen die Bedeutung von Fach- und besonders Schlüsselqualifikationen für unternehmerisches Denken und berufliche Selbständigkeit.

Wolfgang Geise wählt als Ausgangspunkt für seine Untersuchung eine Kritik an der "Mainstream-Konsumentenverhaltensforschung". Er konstatiert Abweichungen zwischen wissenschaftlichen Theorien und individuellen Konstruktionen von Verbrauchern und kritisiert das fehlende Verständnis der Wissenschaft für die von den Individuen konstruierte soziale Welt. Als Alternative verweist Geise auf eine alltagsorientierte Konsumentenforschung, also die Rekonstruktion theoretischer Entwürfe aus dem Gegenstandsbereich der Forschung. Der stark epistemologisch orientierte Beitrag rekurriert oft auf die Psychologie, insbesondere die pädagogische Psychologie und ihre Forschungsmethoden. Er schließt mit einer skizzierten Anwendung des vorgestellten Ansatzes auf das Thema "Impulskauf" und verweist auf Konsequenzen für die Verbrauchererziehung.

Jan Karpe konzentriert sich in seiner Analyse auf nomologisches Wissen über die Rolle und Bedeutung der gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Mit dem Oberbegriff "Wirtschaftspolitische Bildung" zielt er auf eine Verknüpfung der Mikro- und Makroebene. Wie vorher schon Geise greift auch Karpe auf konstruktivistische Ansätze zurück: mentale Modelle und kognitive Strukturen als wesentliche Bestimmungsgründe von Problemwahrnehmung und -bewertung. In Bezug auf die Fachwissenschaft empfiehlt Karpe eine Orientierung auf Ordnungspolitik, Public Choice- und Institutional Choice-Konzeptionen, um in der ökonomischen Bildung ordnungspolitische Struktureinsichten anzuregen.

Gerhard Kolb erinnert daran, dass in der Vergangenheit auch an bayerischen Gymnasien die Existenzberechtigung des Faches Wirtschaftslehre umstritten war - trotz der langen Tradition der bayerischen Wirtschaftslehre. Vorwürfe richteten sich gegen "Nützlichkeitsorientierung" und "Berufsbezug". Mit Derbolav wirft Kolb die Frage nach dem "Allgemeinen" des Ökonomischen auf, und seine Antwort mündet in eine Kritik an der Geschichtsvergessenheit der Wirtschaftslehre, für die er verschiedene Erklärungen diskutiert. Für Kolb ist die ökonomische Ideengeschichte genuin bildungsrelevant, erfüllt sie doch Orientierungsfunktionen, insbesondere auch der Wertorientierung (Endzweck des Wirtschaftens). In diesem Kontext stellt Kolb vielfältige Bezüge zur ökonomischen Ideengeschichte her, vom Altertum bis in die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Klaus-Peter Kruber erörtert Fragen der Orientierung und der wirtschaftspolitischen Bildung vor dem Hintergrund eines wirtschaftskategorialen Ansatzes. Grundstrukturen des ökonomischen Denkens sind für Kruber: Denken in Strukturen der ökonomischen Verhaltenstheorie, in Wirkungszusammenhängen und in ordnungspolitischen Zusammenhängen. Hinzu muss aber ein weiterer Aspekt treten: ganzheitliches Denken, das die Grenzen von Fachwissenschaften überschreitet. Es geht Kruber dabei um die grenzüberschreitende Perspektive, nicht aber um einen integrativ fächerübergreifenden Unterricht, birgt letzterer doch die Gefahr, inhaltlich fehlerhaft zu sein und die Entwicklung methodischen Denkens bei den Schülern zu behindern. Nicht eine "Verquirlung" der Fächer, sondern die Ausleuchtung wirtschaftspolitischer Probleme aus verschiedenen Perspektiven ist gefragt.

Andreas Liening beginnt seinen Beitrag mit einem sprachgeschichtlichen Rückblick auf den Berufsbegriff, mit Rückgriff auf die Antike, das Mittelalter und verschiedene Geistesströmungen bis zur gegenwärtigen Situation in der Bundesrepublik Deutschland mit (nach Liening) 390 staatlich anerkannten Ausbildungsberufen. Der Bedeutungswandel des Berufs wird vor diesem Hintergrund unter mannigfaltigen Aspekten erörtert: Beruf als Feld der Identifikation, Mobilität, Telearbeit, Reduktion der Arbeitszeit, kürzere "Wissenslebenszyklen" und Bedeutung der Weiterbildung. Arbeitslosigkeit, Green-Card-Diskussion und Ingenieurmangel stellen Beispiele für Krisenerscheinungen dar. Liening sieht wesentliche Ursachen dafür in Mängeln der Lehrerausbildung und schlägt Reformen vor, die auf einen stärkeren Praxisbezug - im Sinne von Wirtschaftspraxis - abzielen.

Thorsten Wilhelm Menning postuliert eine Reihe von "Megatrends" und untersucht ihre Bedeutung für die Sicherstellung eines qualifizierten Berufsnachwuchses. Er konstatiert eine Tendenz zu höheren Abschlüssen bei gleichzeitigem Strukturwandel zu Lasten der Geringqualifizierten. Besonders wichtig sind für Menning Fremdsprachen- und Medienkompetenz sowie soziale Kompetenzen. Aus den Qualifikationsanforderungen leitet er Einstellungsvoraussetzungen ab. Begleitende Zusatzqualifikationen gliedert Menning in grundlegende Typen und geht speziell auf Fremdsprachenkenntnisse ein. Er gelangt zu dem Fazit, dass sich in Zukunft die Grenzen zwischen Kaufleuten und Technikern weiter verwischen werden.

Markus Osburg stellt die Schülerfirma als handlungsorientierte Methode vor, die Schlüsselqualifikationen und gesellschaftsrelevante Inhalte vermittelt sowie der Berufswahlvorbereitung dient. Sein Ausgangspunkt ist die Anforderung der Berufswelt, zukünftig mit immer komplexeren Problemen in immer kürzerer Zeit umgehen zu können. Hinzu tritt der Wunsch nach einer Verbesserung der Beschäftigungslage durch höhere Bereitschaft zur beruflichen Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Osburgs Lösungsvorschlag besteht in der Förderung einer "Kultur der Selbständigkeit". Nach der Erörterung der Kennzeichen und Ziele einer Schülerfirma begründet er ausführlich, warum Schülerfirmen eine Methode zur Vermittlung von Allgemeinbildung darstellen. Schülerfirmen in der Lehreraus- und weiterbildung stellen, in exemplarischer Behandlung, einen weiteren Schwerpunkt dar. Wesentlich ist nach Osburg die Verzahnung von theoretischen Grundsätzen, praktischen Erfahrungen und Rückkoppelungen.

Thomas Retzmann plädiert für empirische fachdidaktische Forschung als Weg zur Rationalisierung der Bildungsdebatte. Existierende Defizite an empirischer Lehr-/Lernforschung sollen u. a. durch vergleichende Studien über Konstruktion, Verlauf und Ergebnis von Lehr-/Lernprozessen behoben werden. Nach einigen bildungspolitischen Erörterungen mit ideologiekritischer Zielsetzung stellt Retzmann ein Modell zur empirischen Forschung vor. Schließlich fragt er nach der Notwendigkeit einer universitären Fachdidaktik. Dabei weist er auf die Gefahr hin, dass nicht einmal der bisherige Stand der ökonomischen Bildung in den Integrationsfächern aufrecht erhalten werden kann, da die wirtschaftsdidaktischen Forschungs- und Lehrkapazitäten in der Vergangenheit immer wieder ausgedünnt worden sind. Retzmann beschließt seine Untersuchung mit Hinweisen auf phänomenale und kategoriale Erschließung ökonomischer Sachverhalte und regt wirtschaftssoziologische Studien an.

Alfons Schmid berichtet über ein virtuelles universitäres Seminar zur Erprobung von Telelearning in der Lehrerbildung. Das Projekt im Fach Arbeitslehre zielte auf die Erprobung von interaktiven Lernprozessen in elektronischen Netzen, wobei handlungsorientierte Konzeptionen zugrunde gelegt wurden. Der Beitrag von Schmid liefert ins einzelne gehende Beschreibungen aller Arbeitsschritte des Projekts sowie des Seminarverlaufs. Die Antwort auf die zentrale Frage nach den Vor- und Nachteilen gegenüber herkömmlichen Seminaren fällt differenziert aus, wobei allerdings die Probleme von Schmid auch auf den Pilotcharakter des Seminars zurückgeführt werden. Während die Vorteile des Telelearning anscheinend wesentlich im Gewinn an Flexibilität liegen, bestehen Nachteile zum Beispiel in einem schlechten Verhältnis von Aufwand und Ertrag und im Scheitern der Verbindung von Fachwissenschaft und Fachdidaktik.

Günther Seeber sieht in seiner Analyse zur Umweltbildung das Konzept der "Nachhaltigen Entwicklung" als Leitbild und als aktuellen gemeinsamen Nenner an, was dieses Konzept freilich nur deswegen leistet, weil es vage und unbestimmt ist. Wenn Seeber den daraus resultierenden Klärungsbedarf eruiert, unterscheidet er zwei unterschiedlich akzentuierte Orientierungen in der umweltbezogenen Wirtschaftsdidaktik: auf der einen Seite einen wertorientierten Ansatz, dessen Intention ein moralisch fundiertes Umweltbewusstsein ist, auf der anderen Seite einen sozialökonomischen Ansatz, der die Kenntnisse über die institutionellen Rahmenbedingungen und Prozesse betont. Seeber arbeitet die Einseitigkeiten beider Ansätze heraus und stellt ihnen sein Konzept der "Ökologischen Ökonomie" gegenüber.

Birgit Weber untersucht die Bedeutung der Ökonomie in der Lehrerausbildung. Sie stellt eine vergleichende Analyse der Prüfungs- und Studienordnungen an den Hochschulen vor. Nach Auffassung Webers deuten bereits in den schulischen Stundentafeln die unbefriedigenden quantitativen Dimensionen der Integrationsfächer und der wirtschaftlich-technischen Lernbereiche auf eine Vernachlässigung der ökonomischen Bildung in der Schule hin. Die Analyse der Lehrerausbildung nun bestätigt die Gefahr der Marginalisierung. Weber weist in ihrer empirischen Analyse nach, dass ökonomische Bildung für das allgemein bildende Schulwesen an den Hochschulen einen schweren Stand hat und entwickelt aus ihrer Analyse hochschulpolitische Desiderata.

Peter Weinbrenner stellt die Frage nach dem fachdidaktischen Selbstverständnis der Umweltbildung an den Beginn seines Beitrages. Er untersucht in kritischer Auseinandersetzung mit dem Seeber-Konzept die Beziehung zwischen Umweltökonomie und ökologischer Ökonomie und unterzieht insbesondere die neoklassische Umweltökonomie einer skeptischen Betrachtung. Weinbrenner plädiert für die Berücksichtigung unterschiedlicher fachwissenschaftlicher Paradigmen in der Umweltbildung sowie für das Überschreiten von Disziplingrenzen. Den fachdidaktischen Ausgangspunkt sieht er nicht im Wissenschafts-, sondern im Problem- und Situationsprinzip.

Gerrit Witschaß und Ulrich Wiethaup stellen das Projekt TRANS-JOB vor; es zielt auf den direkten und systematischen Kontakt zwischen Schulen und Unternehmen. Bisherige sporadische Aktivitäten sollen in langfristige Projektarbeit systematisiert werden. Die Kooperationsverbünde von Schulen und Unternehmen sind dabei auf Dauer angelegt. Inhaltliches Projektziel ist die Verbesserung des Übergangs der Schüler von der Schule in Ausbildung und Studium. Von besonderer Bedeutung ist, dass die Einzelmaßnahmen in die Konzepte der Schulcurricula einbezogen werden, womit gleichzeitig ein Beitrag zur Schulprofilentwicklung geleistet wird.

Hans Jürgen Schlösser


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Letzte Änderung am 01.02.2011


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