Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung

Tagungsband 2000

Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung

Berufsorientierung und Arbeitsmarkt

Hrsg. Hans Jürgen Schlösser

Mit einem Vortrag von Prof. Dr. Horst Friedrich, dem Gründungsmitglied und langjährigen Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung. Ihm ist dieser Band zur Vollendung des 65. Lebensjahres gewidmet.

Mit Beiträgen von Günter Ashauer, Lothar Beinke, Reinhold Hedtke, Eberhard Jung, Thorsten Wilhelm Menning, Thomas Retzmann, Sandra Schneider, Günther Seeber, Birgit Weber

Bergisch Gladbach 2000

Inhaltsverzeichnis

Horst Friedrich: Berufsorientierung im Studium - der Beitrag berufsorientierender Projekte zur Studienreform Vortrag vor der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung am 10. März 2000 1
Günther Seeber: Wissensmanagement und akademische (Aus-)Bildung 23
Sandra Schneider: Berufsorientierung an Hochschulen durch das kooperative Seminar - Bildung von personalberufsfeldspezifischen Schlüsselqualifikationen 49
Reinhold Hedtke: Das unstillbare Verlangen nach Praxisbezug. Zum Theorie-Praxis-Problem der Lehrerbildung am Exempel Schulpraktischer Studien 67
Eberhard Jung: Arbeits- und Berufsfindungskompetenz 93
Lothar Beinke: Berufsorientierung - eine Forderung an Schule und Berufsberatung unter Berücksichtigung des Elternengagements 117
Thomas Retzmann: Der Berufsausbildungsvertrag: Ein Handel mit "Zitronen"?
Ein Beitrag zur institutionenökonomischen Analyse des Ausbildungsmarktes
137
Günter Ashauer: Die Eignung der Absolventen verschiedener Schularten für eine kaufmännische Ausbildung - Ergebnisse der Eignungstestserie "Bankkaufmann" 163
Thorsten Menning: Die IT-Branche - ein innovativer Ausbildungsbereich mit überproportionalen Entwicklungschancen 189
Birgit Weber: Telearbeit als Arbeitsform der Zukunft 213

Editorial

Die Wechselbeziehung von Bildungs- und Beschäftigungssystem gehört zu den Kernthemen der Wissenschaft von der ökonomischen Bildung. Sie wirft schwierige und interessante Fragen der Bildungswissenschaften, insbesondere der Fachdidaktik, auf, und sie beinhaltet weitreichende Fragen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Lebensbedeutsamkeit des Themas ist hoch, sowohl für die Schülerinnen und Schüler der allgemein bildenden Schulen, die eine Berufsausbildung anstreben, als auch für die Studierenden der Hochschulen, die sich auf den Übergang vom Bildungssystem in das Wirtschafts- und Arbeitsleben vorbereiten.

Stichworte wie "Lebenslanges Lernen" oder "Training on the Job" verdeutlichen, dass es mit dem Eintritt in das Beschäftigungssystem mit der Bildung kein Ende hat, sondern dass Arbeiten und Lernen in Zukunft aufs engste ineinander verwoben sein werden. Dieser Prozess der Verwebung und Vernetzung von Bildung und Beschäftigung impliziert nicht allein die Notwendigkeit für die Menschen, mehrmals im Laufe ihres Erwerbs- und Bildungslebens zwischen beiden Systemen zu wechseln, sondern dass sich beide Systeme, zumindest in Teilbereichen, gegenseitig durchdringen und Bildungs- und Beschäftigungssystem sich nicht mehr in der Weise abgrenzen lassen, wie es bisher üblich gewesen ist.

Dies korrespondiert mit anderen Grenzaufweichungen, zum Beispiel dem Phänomen, dass sich die fortgeschrittenen Volkswirtschaften der Zukunft, also die "Wissenswirtschaften", kaum noch zweckmäßig mit der alten Drei-Sektoren-Einteilung beschreiben lassen, bedenkt man allein die Annäherung der Arbeitswelten in Industrie- und Dienstleistungssektor mit der Entstehung neuer Grenzbereichsberufe als Folge. Neue Strukturen bilden sich allerorten heraus, zeichnen sich zunächst nur undeutlich ab und erfordern neue Erklärungen, Systematisierungen und theoretische Zugriffsweisen.
Mit ihrem Tagungsthema des Jahres 2000, "Berufsorientierung und Arbeitsmarkt", stellt sich die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung diesen Herausforderungen auf ihre spezifische, wirtschafts- und fachdidaktikwissenschaftliche Weise.

  • Günther Seeber untersucht das "Wissensmanagement" an Hochschulen und Unternehmen. Er liefert wichtige Begriffsklärungen und befasst sich vornehmlich mit der Frage, was Hochschulen und Unternehmen auf diesem Gebiet von einander lernen können. Interessant ist dabei unter anderem, dass Seeber aufzeigt, wie heute Unternehmen zur Bewältigung ihrer Zukunftsherausforderungen auch auf Konzepte zurückgreifen, die zum traditionellen "Kompetenzportfolio" der Hochschulen gerechnet werden können.
  • Sandra Schneider erörtert am Beispiel des "Kooperativen Seminars" eine spezielle Praxisinitiative aus dem Hochschulbereich. Lehrende aus Unternehmen und Hochschule zielen darauf ab, eine Verbindung von der Theorie zur Praxis zu schaffen, was unter anderem auch dazu führt, dass die Berufsziele der Studierenden sich konkretisieren. Schneider arbeitet curriculare Studienvoraussetzungen des kooperativen Seminars heraus und verdeutlicht das Konzept am Beispiel "Assessment-Center und Vergütungsproblematik".
  • Mit dem Theorie-Praxis-Problem befasst sich auch Reinhold Hedtke, wenngleich aus einer anderen Perspektive. Hedtke untersucht das Theorie-Praxis-Verhältnis der Lehrerbildung an Hochschulen im Hinblick auf Schulpraktische Studien. Er stellt dabei überkommene Auffassungen konsequent in Frage und erarbeitet ein eigenes sozialwissenschaftlich orientiertes Konzept, in dem eine grundlegende Differenz von Wissenschaft und Unterrichtshandeln existiert, die sich nicht "vermittelnd" aufheben läßt, und nach dem Einheit bzw. Ganzheitlichkeit nicht zu stiften ist. Hedtkes Diagnose der "Zeremoniellen Funktion" Schulpraktischer Studien und seine Schlussfolgerungen für ein revidiertes Modell von Praxisbezügen in den sozialwissenschaftlichen Fächern eröffnen gewiß eine kontroverse und überfällige Diskussion.

Es folgt nun eine Reihe von Beiträgen, die sich nicht schwerpunktmäßig auf die Hochschule orientieren, sondern die Berufswahl Jugendlicher sowie berufspädagogische Fragen empirisch und theoretisch behandeln.

  • Eberhard Jung analysiert den Arbeits- und Berufsfindungsprozess in einem breit angelegten sozialwissenschaftlichen Ansatz und liefert dabei u.a. eine theoretisch fundierte Aufarbeitung des Kompetenzbegriffes, abgestellt auf Arbeits- und Berufsfindungskompetenz. Im Zentrum seiner Untersuchung stehen arbeits- und berufsbezogene Übergänge, deren Bedeutung in Zukunft zunehmen wird. Das übergangstheoretische Konzept der Identitätsbewährung führt zu einem Drei-Phasen-Modell, welches von Jung berufswahltheoretisch eingebettet wird.
  • Lothar Beinke untersucht die Relation von Schule, Berufsberatung und Eltern ("Drei-Säulen-Modell") in der Berufsorientierung. Seine empirische Basis ist eine umfangreiche Erhebung der Haltung von Schülern und Eltern zur Berufswahlthematik. Die Daten widerlegen weit verbreitete Auffassungen zur Kooperation der genannten Akteure und legen wesentliche Defizite offen, die von Beinke ausführlich interpretiert werden. Sein Ziel ist es dabei, Wege aufzuzeigen, die Wirksamkeit des "Drei-Säulen-Modells" zu erhöhen. Der empirische Befund legt es nahe, bei Familie und Elternhaus und bei unterrichtlichen Konzepten anzusetzen.
  • Thomas Retzmann untersucht den Berufsausbildungvertrag mit einem institutionen- und informationsökonomischen Instrumentarium. Orientiert an Akerlofs wegweisender Analyse des "Market for Lemons" analysiert Retzmann Qualitätsunsicherheiten und Marktfunktionen am "Ausbildungsmarkt", wobei er Konzepte asymmetrischer Information, adverser Selektion und Transaktionskostentheorie zum kombinierten Einsatz bringt. Im Ergebnis liefert Retzmann eine disziplinübergreifende Analyse des Ausbildungsvertrages im Spannungsfeld von Ökonomik und Pädagogik, in der u. a. "weiche Faktoren" eine besondere Rolle spielen.
  • Günther Ashauer untersucht die Eignung der Absolventen verschiedener Schularten für eine kaufmännische Ausbildung. Dabei legt er den sehr umfangreichen Datenbefund der Eignungstestserie "Bankkaufmann" zugrunde. Seine Ergebnisse spiegeln auch den Wandel des Bildungswesens wider. Ashauer setzt Schulbildung, regionale Herkunft, Geschlecht und andere Merkmale der Bewerber in Beziehung zum Abschneiden beim Eignungstest und interpretiert die Ergebnisse unter verschiedenen Blickwinkeln.
  • Eine ausgewählte, aber ebenfalls sehr bedeutsame Branche ist Gegenstand der Analyse Thorsten Mennings. Die Informationstechnik (IT) ist eine besonders schnell wachsende Branche, die durch einen anhaltenden Mangel an Fachkräften gekennzeichnet ist. Menning analysiert ausführlich die IT-Ausbildungsberufe und liefert eine vergleichende Analyse alter und neuer Rahmenlehrpläne, wobei er auf Probleme, zum Beispiel beim Prüfungskonzept, hinweist. Er zeigt auf, dass die neuen IT-Berufe ein Modell für Ausbildungsberufe im Feld komplexer Produkte und ihrer kundenorientierten Verknüpfung darstellen und im "Grenzbereich der gewerblich-kaufmännischen Ausbildung" angesiedelt sind.
  • Zukunftsorientiert ist auch die Untersuchung Birgit Webers, die in ausgewählten Bereichen das Potential und die Problematik von Telearbeit auslotet. Während Prognosen und Analysen auf globaler, europäischer oder nationaler Ebene nahelegen, dass zukünftige Arbeitnehmer und Selbständige in zunehmendem Maße Telearbeit leisten werden, zeigt Weber, dass bei weniger globaler Betrachtung immer noch erhebliche Hindernisse und Hemmschwellen bestehen. Diese treten weniger im Bereich der technischen Voraussetzungen auf als bei der Arbeitsorganisation und den sozialen Beziehungen im Unternehmen, womit Weber einen weiteren Hinweis auf die Bedeutung "weicher Faktoren" liefert.

Die Autoren und der Herausgeber des vorgelegten Bandes sowie die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung insgesamt gratulieren Univ.-Prof. Dr. Horst Friedrich zu seinem 65. Geburtstag. Der Abdruck seines Vortrages "Berufsorientierung im Studium" sei aus diesem Anlass allen Aufsätzen vorangestellt.

Hans Jürgen Schlösser


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Letzte Änderung am 01.02.2011


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